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Ungefähr 3 Millionen Menschen in der Bundesrepublik Deutschland leiden an Inkontinenz,  dem unfreiwilligen Abgang von Harn oder Stuhl. Die Dunkelziffer  liegt weitaus höher, denn Inkontinenz ist immer noch ein Tabuthema.  Es verletzt gängige Sauberkeits- und Hygienevorstellungen und ist daher Grund für viele Betroffene, sich aus Scham oder Furcht vor Entdeckung aus ihrem sozialen Umfeld zurückzuziehen.

Die Betreuung  von inkontinenten Menschen stellt hohe Anforderungen an alle  Pflegenden. Gerade ihre Versorgung im Rahmen der Familie führt  oftmals zu Überforderung und Konflikten. Harninkontinenz ist  deswegen der zweithäufigste Grund für die Einweisung in ein Pflegeheim. Auch für das professionelle Pflegepersonal ist die  Betreuung inkontinenter Patienten mit einem hohen Zeit- und  Materialaufwand verbunden. Sie verlangt genaue Kenntnisse über die
Art der Inkontinenz und deren  entsprechende Versorgung. Erfolgversprechende Hilfe geht jedoch über  fachliches Wissen und die Bereitstellung zuverlässiger Inkontinenzprodukte hinaus: Sie umfaßt auch die Bereitschaft zum Gespräch, zur aktiven Auseinandersetzung mit den Wünschen, Bedürfnissen und Ängsten des Betroffenen.

Dieser Ratgeber beinhaltet deswegen nicht nur  wichtige Basis-informationen zum Krankheitsgeschehen, zu  therapeutischen Ansätzen und zur Hilfsmittelversorgung, sondern geht  auch auf psychologische Aspekte der Betreuung inkontinenter Menschen ein. Wir haben uns bemüht, Ihnen verschiedene Möglichkeiten zum professionellen, patientengerechten Umgang mit dem Problemfeld  Inkontinenz aufzuzeigen, ohne dabei einen Anspruch auf  Vollständigkeit zu erheben.
Die  Unterstützung von Pflegerinnen und Pflegern hat bei Coloplast Tradition. Seit über 10 Jahren vertreiben wir unter dem Markennamen Conveen nicht nur hochwertige Inkontinenzprodukte, sondern bieten Schwestern und Pflegern auch Schulungen und Fortbildungsseminare an. Denn die verschiedenen Weiterbildungsmöglichkeiten für das  Pflegepersonal in Kliniken und Heimen kommen letztendlich wieder  denen zugute, für die unsere Produkte gemacht sind: Betroffene, die mit einer Krankheit oder einem physischen Handicap leben müssen.

Vorwort

1. Aufgabe und Funktion der  Harnblase

2. Diagnostik

3. Formen der Inkontinenz und ihre Ursachen
3.1. Streß- oder Belastungsinkontinenz
3.2. Urge- oder Dranginkontinenz
3.3. Neurogene Blasenfunktionsstörungen
3.4. Überlaufinkontinenz
3.5. Extraurethrale Inkontinenz
3.6. Weitere Ursachen für  Harninkontinenz
3.7. Stuhlinkontinenz
4. Pflege- und Therapiemöglichkeiten
4.1. Pflegeanamnese
4.2. Allgemeine Maßnahmen und  Empfehlungen
4.2.1. Hilfe zur Selbsthilfe
4.2.2. Kontinenzförderung
4.2.3. Flüssigkeitszufuhr
4.2.4. Ernährung
4.2.5. Hautschutz und Hautpflege
4.3. Konservative  Inkontinenztherapie
4.3.1. Beckenbodentraining
4.3.2. Hilfsmittel zum Beckenbodentraining
4.3.3. Bio-Feedback
4.3.4. Elektrotherapie
4.3.5. Fußreflexzonentherapie
4.3.6. Miktionstraining
5. Hilfsmittelversorgung
5.1. Leitfaden zur Auswahl der geeigneten  Versorgungsart
5.2. Versorgung für die Harninkontinenz der  Frau
5.3. Versorgung für die leichte Harninkontinenz des  Mannes
5.4. Versorgung für schwere Formen der männlichen  Harninkontinenz
5.4.1. Kondomurinal
5.4.2. Bein- und Nachtbeutel
5.4.3. Beinbeutelfixierung
5.5. Intermittierender Selbstkatheterismus
5.6. Anal-Tampon
5.7. Hilfsmittelverordnung

6. Harninkontinenz im pflegerischen Alltag
6.1. Der inkontinente Mensch
6.2. Grundsätze zur Betreuung inkontinenter  Menschen
6.3. Der Einfluß der Pflegenden

7. Hilfsangebote für Betroffene, Angehörige und  Pflegende

8. Literaturempfehlungen


1. Aufgabe und Funktion der Harnblase
In der Harnblase wird der Harn gesammelt. Ihr  Fassungsvermögen beträgt in der Regel zwischen 350 und 400 ml, in  Extremfällen sogar bis zu 1.000 ml. Mit steigendem Füllungszustand  entsteht ein Druckanstieg in der Blase und sie dehnt sich. Dadurch  werden sensible Rezeptoren (Dehnungsrezeptoren) in der Blasenwand  aktiviert und ihre Impulse über das Rückenmark ans Gehirn weitergeleitet. In diesem Moment registriert unser Gehirn den Harndrang. Damit sich die Blase nicht sofort entleert, wird die  Entleerung durch das Gehirn unterdrückt (hemmende Impulse). Diese  Unterdrückung der Blasenentleerung wird zum Beispiel erst nach Erreichen der Toilette bewußt aufgehoben. Der Blasenmuskel (Detrusor) zieht sich als Folge des Entleerungsbefehls zusammen  (Kontraktion) und treibt den Harn aus. Gleichzeitig mit der  Kontraktion öffnet sich der innere Schließmuskel (Sphinkter) im  Blasenhals. Die Beckenbodenmuskulatur senkt sich (erschlafft) und öffnet damit den äußeren Schließmuskel, welcher ein Teil der Beckenbodenmuskulatur ist. Zur Verstärkung des Harnstrahls kann  zusätzlich die Bauchpresse betätigt werden. Beim gesunden Menschen  kann die Blase in der Regel vollständig (bis auf eine normale  Restharnmenge von max. 30 ml) entleert werden.


2. Diagnostik
Grundlage einer erfolgversprechenden Therapie ist  die umfassende Diagnostik. Es gilt herauszufinden, welche Ursachen  zur Inkontinenz geführt haben, um eine Besserung oder Kontinenz zu erreichen. Wichtige Informationen (z.B. die Anamnese) sollten nicht  unbeachtet bleiben. Weitere Maßnahmen, wie die klinische Untersuchung, Harnanalysen, apparative Verfahren (z.B. Sonographie oder Radiologie) und spezielle Verfahren des Facharztes, können zur  Diagnose beitragen.
Zur  Vorbereitung auf den Arztbesuch können Pflegende einen wichtigen  Beitrag leisten: Betroffene finden beim Arzt häufig nicht die  richtigen Worte und schildern ihre Symptome sehr ungenau. Bereiten Sie deshalb den Betroffenen mit einem Anamnesebogen (siehe Seite 50/51) auf den Arztbesuch vor. Der Arzt erhält so Aufschluß über die  Symptomatik und kann gezielt darauf eingehen.

3. Formen der Inkontinenz und ihre Ursachen
Im folgenden sollen die verschiedenen Formen der Harn- und Stuhlinkontinenz kurz beschrieben werden. Dabei ist darauf hinzuweisen, daß verschiedene gleichzeitig vorliegende Erkrankungen  zu kombinierten Inkontinenzformen führen können (z.B. die kombinierte Streß- und Dranginkontinenz bei älteren  Frauen).

3.1. Streß-  oder Belastungsinkontinenz
Unter Streß- oder Belastungsinkontinenz versteht man den unwillkürlichen Harnabgang beim Husten, Lachen, Niesen oder  bei körperlicher Anstrengung. Dabei übersteigt der Blaseninnendruck,  meist bedingt durch die Erhöhung des intraabdominellen Drucks, den Blasenauslaßwiderstand. Man unterscheidet drei Stadien der Streß-  oder Belastungsinkontinenz:

Stadium 1: Harnabgang beim Husten, Pressen, Niesen, Heben und  schwerer körperlicher Anstrengung
Stadium 2: Harnabgang bei leichter körperlicher Belastung, z.B. Gehen oder Aufstehen aus dem Bett
Stadium 3: Harnabgang im Stehen, Sitzen oder Liegen

Ursache ist häufig eine  schwache Beckenbodenmuskulatur oder Lageveränderung der Blase und Gebärmutter (z.B. Gebärmuttersenkung). Von der Streß- oder Belastungsinkontinenz sind überwiegend Frauen betroffen. Bei Männern  kann eine Belastungsinkontinenz z.B. nach Operationen der Prostata auftreten.

Begünstigend für die Entstehung einer Streßinkontinenz sind schwere körperliche Tätigkeiten oder nicht bauch- und rückenentlastendes Tragen und Heben, Übergewicht, chronische Obstipation, Schwangerschaften und  Geburten oder ein Östrogenmangel im Klimakterium. Bei leichteren  Formen der Streßinkontinenz kann bereits eine Gewichtsreduktion oder  die Behandlung der Obstipation (u.a. durch Ernährungsumstellung)  kontinenzfördernd sein. Außerdem ist Betroffenen gezieltes  Beckenbodentraining zu empfehlen. Es kann nicht nur bei leichten Formen der Streßinkontinenz angewendet werden, sondern auch  begleitend zu anderen Therapieformen.

3.2. Urge- oder  Dranginkontinenz
Bei dieser Form der Harninkontinenz kommt es zu nicht  beeinflußbaren Kontraktionen des Blasenmuskels. Der Betroffene  verspürt zwar meist den Harndrang, kann die Entleerung aber nicht mehr unterdrücken. Wir unterscheiden hier zwischen motorischer und sensorischer Dranginkontinenz. Die Ursachen der sensorischen  Dranginkontinenz sind zumeist Blasenerkrankungen (z.B. Cystitis, Steine), die eine Schädigung des Blasenmuskels hervorrufen.  Gleichzeitig werden durch diese Erkrankungen vermehrt Impulse ans  Gehirn gesandt, die Harndrang signalisieren. Durch die Schädigung  des Kontinenzorgans kommt es dann zur Inkontinenz. Bei der  motorischen Dranginkontinenz kann der Betroffene der Entleerung  nicht gegensteuern, d.h. er verspürt zwar den Harndrang, die zentrale Hemmung setzt aber nicht ein. Er verliert den Urin bevor er die Toilette erreicht hat. Diese Form tritt meist bei Erkrankungen des Gehirns auf, z.B. bei Morbus Alzheimer oder Cerebralsklerose. Die Therapie sollte in erster Linie der Ursachenbehebung dienen. Die  Überaktivität der Blase läßt sich bei manchen Betroffenen durch Medikamente therapieren, die die Blase ruhigstellen. Als weitere  konservative Möglichkeit bietet sich das Toilettentraining  (
Miktionstraining) an, das zwar keine ursächliche Therapie darstellt, dem Betroffenen jedoch ein weitgehend kontinentes Leben ermöglichen kann.

3.3. Neurogene Blasenfunktionsstörungen
Durch neurologische Erkrankungen oder Schädigungen entstehen Überleitungsstörungen in den Nervenbahnen, die die Impulse  vom Gehirn zur Blase und von der Blase zum Gehirn senden. Diese Form der Blasenstörung tritt beispielsweise bei Querschnittlähmung, Multipler Sklerose, Bandscheibenvorfall oder Spina bifida auf. Häufig äußert sich diese Funktionsstörung nicht ausschließlich durch die Unfähigkeit, den Urin zu halten, sondern im Harnverhalten durch  lähmungsbedingte Verkrampfungen des Schließmuskels. Diese sehr komplikationsträchtige Funktionsstörung bedarf der sorgfältigen und regelmäßigen Überwachung durch den betreuenden Urologen. Durch die  medikamentöse Therapie – meist in Verbindung mit dem Erlernen des intermittierenden Selbstkatheterismus – können heute jedoch  Komplikationen weitgehend vermieden werden.

Behandlungsziele für diese Betroffenengruppe sind  deshalb:

  • die problemlose Harnentleerung zu  erreichen,
  • Schäden an den Nieren, die durch Harnverhalt und Rückfluß in die Nieren entstehen können, zu vermeiden,
  • Restharn abzuleiten,
  • soziale Kontinenz zu erlangen, d.h.  aufgrund der Therapie in der Lage zu sein, am sozialen Leben  teilzunehmen.


3.4. Überlaufinkontinenz
Die Überlaufinkontinenz äußert sich durch  tröpfelnden Urinabgang bei gefüllter Blase (die Blase läuft sozusagen über). Die Ursachen sind oft langanhaltende  Abflußbehinderungen wie z.B. bei einer Vergrößerung der Prostata und  bei Harnröhrenengstellen. Hier muß meist durch eine Operation für den freien Abfluß des Harns gesorgt werden. Eine Überlaufinkontinenz, die durch den Verlust der Blasenkontraktionsfähigkeit entsteht (z.B. bei längerwährender "Überdehnung" der Blase) wird medikamentös behandelt. Um den Restharn zu entfernen, kann es dann nötig sein, daß der Betroffene sich so-lange selbst katheterisiert, bis die normale Kontraktionsfähigkeit der Blase wieder hergestellt  ist.

3.5. Extraurethrale Inkontinenz
Fisteln oder Fehlbildungen des harnableitenden Systems können  dazu führen, daß Harn nicht auf normalem Wege abläuft. Diese Inkontinenzform muß operativ behandelt werden.

3.6. weitere Ursachen für Harninkontinenz
Verschiedene Medikamente, vor allem die, die bei Herz-Kreislauferkrankungen eingesetzt werden, können als Begleiterscheinung eine Harninkontinenz zur Folge haben. Wenn eine Harninkontinenz plötzlich auftritt, gilt es deswegen zu überprüfen,  ob ein neu verordnetes Medikament der Auslöser sein kann.
Die psychische Verfassung  des Menschen hat einen wesentlichen Einfluß auf das Ausscheidungsverhalten. Ein typisches Beispiel stellt der allseits bekannte Harndrang im Prüfungsstreß dar. Psychisch belastende  Situationen können sogenannte Inkontinenzauslöser darstellen.

Beispiele hierfür  sind:

  • plötzlicher Umgebungswechsel, z.B. ein Krankenhausaufenthalt,
  • unfreiwillige oder unvorbereitete  Aufnahme ins Pflegeheim,
  • fehlende Aufmerksamkeit und  Zuwendung.


Fühlen sich  Betroffene zu wenig beachtet, versuchen sie manchmal die fehlende Zuwendung durch eine Verstärkung ihrer Inkontinenz zu "erzwingen". Auch Neid auf den Mitbewohner im Pflegezimmer, der mehr Pflege  benötigt und dadurch mehr Aufmerksamkeit von der Pflegeperson erhält, kann zur Verstärkung der Symptomatik führen. Die Inkontinenz  wird vom Betroffenen dann im Sinne eines positiven Krankheitsgewinns  erlebt.

3.7. Stuhlinkontinenz
Im Vergleich zu der Harninkontinenz ist die Stuhlinkontinenz seltener,  für die Betroffenen aber seelisch noch belastender. Die Ursachen der  Stuhlinkontinenz bestimmen auch die unterschiedlichen Behandlungsmethoden.

-  Diarrhoe:
Bei bestehender  Schwäche des Kontinenzorgans kann eine Diarrhoe zur Inkontinenz führen. Hier muß die Ursache des Durchfalls diagnostisch geklärt  werden. Es kann sich unter Umständen auch um eine ernstzunehmende  Erkrankung handeln (z.B. Darmkrebs). Sollte ein Mißbrauch von Laxanzien vorliegen, muß dieser gestoppt werden. In vielen Fällen  kann die Diarrhöe auch durch diätetische Maßnahmen gebessert  werden.

- Obstipation mit  der Folge einer paradoxen Diarrhoe:
Durch Stuhlansammlungen (Stuhlsteine) im Enddarm wird dessen Entleerungsmechanismus ausgelöst (vermehrte Peristaltik,  Erschlaffung des inneren Schließmuskels). Ist es dann nicht möglich, den stark eingedickten Stuhl auszuscheiden (z.B. bei mangelnder  Betätigung der Bauchpresse), wird an dem verhärteten Stuhl der  dünnere, weniger eingedickte Stuhl vorbeibefördert. Die Ursache für  sogenannte "Schmierstühle" ist demzufolge meist eine Obstipation. Hier müssen rektale Abführmaßnahmen (Ausräumen, Einlauf) angewendet  werden. Eine erneute Obstipation sollte vermieden werden (Obstipationsprophylaxe durch ballaststoffreiche Ernährung, Erhöhung der Flüssigkeitszufuhr, Bewegung usw.). Durch ein  Stuhlentleerungstraining kann häufig Normalität erreicht werden. Der Betroffene wird täglich oder jeden zweiten Morgen zeitgleich zur Toilette begleitet. Anfänglich kann man die Darmentleerung mit einem  Klistier oder der regelmäßigen und kontinuierlichen Gabe von  Laxanzien unterstützen.

-  Neurologische Störungen und Erkrankungen:
Durch Gehirn- und Rückenmarkserkrankungen (z.B.  Spina bifida) kann der Entleerungsmechanismus in seiner Funktion beeinträchtigt werden. Ebenso können sensible Störungen der Darmwand (z.B. Diabetes mellitus) oder muskuläre Störungen des  Kontinenzorgans der Auslöser einer Stuhlinkontinenz sein. Durch das Erfassen der Entleerungszeiten, dem anschließenden Stuhlentleerungstraining und eine geeignete Nahrungs- und  Flüssigkeitszufuhr kann auch hier sehr häufig Kontinenz erreicht  werden. Auch Erkrankungen des Kontinenzorgans (Rektumkarzinom,  entzündliche Erkrankungen, Verletzungen) führen häufig zur Stuhlinkontinenz. In diesem Fall entscheidet  der

4. Pflege- und Therapiemöglichkeiten

4.1. Die Pflegeanamnese
Eine gründliche Überprüfung möglicher psychischer  Inkontinenzauslöser ist neben der medizinischen Befunderhebung unerläßlich. Es gilt, sich ein möglichst genaues Bild der Situation  des Betroffenen zu machen und dann über Ansätze einer pflegerischen  Intervention zu entscheiden.

Zur Pflegeanamnese gehört die Klärung folgender Punkte:

  • Orientierung des Patienten (Zeit,  Räumlichkeiten, Blasenentleerung),
  • Mobilität und Aktivität (Gehfähigkeit, Bewegungsfähigkeit),
  • Äußerungsfähigkeit (Sprache, Klingel),
  • Sehfähigkeit,
  • Selbständige Benutzung von Hilfsmitteln zur Entleerung,
  • Hilfsmittelauswahl,
  • Selbständige Benutzung der Toilette,
  • Körpergewicht,
  • Verdauung,
  • Medikamente (z.B. Diuretika, Sedativa, Barbiturate),
  • Flüssigkeitszufuhr (harntreibend?, Menge).


Wichtig sind zudem Fragen zur psychischen Verfassung des Betroffenen und zu seiner Einstellung gegenüber der Inkontinenz. Welche intellektuellen  Möglichkeiten hat er? Wie geht er mit seiner Inkontinenz um? Durch  diese Fragen soll ermittelt werden, wie groß seine Bereitschaft bzw.  Fähigkeit zur Kooperation und zur aktiven Unterstützung der Therapie ist.

4.2. Allgemeine  Maßnahmen und Empfehlungen

4.2.1. Hilfe zur Selbsthilfe
Die Blasenkapazität kann im Alter abnehmen. Auch gesunde alte  Menschen urinieren öfter als in jungen Jahren oder empfinden einen "beschleunigten" Harndrang. Sie müssen dann sofort zur Toilette.  Wichtig ist, in dem Fall dafür zu sorgen, daß die Betroffenen solange wie möglich selbständig bleiben, d.h., daß sie den Toilettengang und die eventuelle Versorgung mit Hilfsmitteln ohne fremde Hilfe bewerkstelligen können.

4.2.2. Kontinenzförderung
In vielen Situationen kann das Wiedererlangen der  Kontinenz durch die Wahrung der Intimsphäre des Betroffenen sowie  durch eine patientengerechte Umfeldgestaltung gefördert werden.
Dazu zählt beispielsweise,

  • daß der Betroffene nicht im Zimmer vor den Mitbewohnern/ Mitpatienten den Nachtstuhl benutzen muß,
  • daß nicht zur Pflegeerleichterung auf  die Unterwäsche verzichtet wird,
  • daß der Betroffene seinen  Toilettengang ungehindert und möglichst selbständig durchführen kann (Dazu zählt auch die Beseitigung möglicher Hindernisse auf  dem Weg zur Toilette),
  • daß dem Betroffenen  Orientierungshilfen beim Toilettengang gegeben werden (z.B. deutliche Kennzeichnung des WC),
  • daß Hilfsmittel nur gezielt und nach vorheriger sorgfältiger Abwägung der Vor- und Nachteile eingesetzt werden,
  • daß sich alle Materialien auf der  Toilette befinden und die gebrauchten Vorlagen und Hilfsmittel  dort auch entsorgt werden können.


Um die Selbständigkeit des Betroffenen zu fördern, sollte seine Kleidung schnell und ohne Schwierigkeiten zu öffnen und  zu schließen sein. Hosen und Röcke können mit Gummizug oder Klettverschlüssen versehen werden. Die Kleidung sollte bequem und  pflegeleicht sein. Zu bevorzugen sind bedruckte, farbige (etwas dunklere) Stoffe. Unpraktische Kleidungsgewohnheiten sollten umgestellt werden (z.B. die Angewohnheit, mehrere Unterhosen zu  tragen).

4.2.3. Flüssigkeitszufuhr
Oft versuchen Betroffene, durch eine Reduzierung der zugeführten Flüssigkeit ihre Inkontinenz zu verbessern. Erreicht wird in der Regel das Gegenteil, denn konzentrierter Harn verstärkt  die Drangsymptomatik eher. Durch die ungenügende Füllung der Blase wird zudem der Toilettengang zu weit hinausgeschoben, und die Gefahr von Blaseninfekten wächst, was zu weiteren Inkontinenzproblemen führen kann.

Deshalb ist es sehr wichtig, daß der Betroffene genügend trinkt. Eine Orientierungshilfe bietet der Trinkplan der Dt. Gesellschaft für Ernährung (s. Abb.). Es hat sich gezeigt, daß durch verschiedene Maßnahmen die "Lust" am Trinken wesentlich gesteigert werden kann, z.B. durch

  • ansprechendes Geschirr (keine  Plastikschnabelbecher),
  • gut schmeckende, abwechslungsreiche  Getränke,
  • Trinken im Sitzen statt im Liegen,
  • Trinken in Gesellschaft oder angenehmer Umgebung.


4.2.4. Ernährung
Bei der Obstipation erhöht sich der Innendruck des Bauchraums. Dadurch steigt zwangsläufig auch der Druck, der auf die Blase einwirkt und begünstigt somit eine Harninkontinenz oder löst sie gar aus. Deshalb muß auf die Wichtigkeit der Obstipationsprophylaxe hingewiesen werden.
Ballaststoffe fördern die Verdauungstätigkeit und  sollten deshalb soviel wie möglich aufgenommen werden, allerdings kombiniert mit ausreichender Flüssigkeitsaufnahme. Berücksichtigt  werden muß dabei auch die besondere Situation des älteren Menschen, z.B. schlechtes Gebiß, mangelnde Kaubewegungen, fehlender Hunger  etc. Es empfiehlt sich daher, ballaststoffreiche Nahrungsmittel so  aufzubereiten, daß sie mühelos gegessen werden können, z.B.  eingeweichte getrocknete Pflaumen oder Feigen, die anschließend  passiert und mit Sahne verfeinert werden. Als Ergänzung (z.B. Zwischenmahlzeiten) empfehlen sich Joghurt, Buttermilch, Müsli,  frisches Obst usw. Die abführende Eigenschaft von Milchzucker kann beim Nachsüßen von Speisen und Getränken genutzt werden.
Generell empfiehlt sich auch das Zusetzen von Weizenkleie und Leinsamen. Nur bei älteren Menschen,  die wenig trinken, sollte darauf verzichtet werden, da es bei ungenügender Flüssigkeitsaufnahme zur Verschlimmerung der Obstipation kommen kann.

4.2.5. Hautschutz und Hautpflege
Bei Betroffenen, die aufsaugende Inkontinenzprodukte verwenden, kann es verstärkt zu Hautkomplikationen kommen. Folgende  Faktoren können dafür verantwortlich sein:

  • Kontakt der Haut mit Harn und Stuhl, (Schädigung durch Ammoniak),
  • feuchtwarmes Milieu,
  • erhöhte Keimbesiedlung,
  • zu häufiges Waschen,
  • unzureichende oder unsachgemäße Pflege der Haut.


Es ist wichtig, den Säure- und Fettschutzmantel der Haut zu erhalten, um  eine Keimbesiedlung oder Austrocknung zu vermeiden. Trockene Haut ist rissig und spröde und bietet ideale Bedingungen für das  Entstehen von Hautkomplikationen. Es gilt deshalb in erster Linie,  die Ursachen zu beseitigen – z.B. indem man Vorlagen wählt, die einen sicheren Rücknässeschutz gewährleisten.
Um den Säure- und Fettschutzmantel der Haut nicht  zu zerstören, sollten beim Waschen des inkontinenten Menschen folgende Punkte beachtet werden:

  • möglichst nur Wasser benutzen,
  • pH-hautneutrale Waschlotion  verwenden,
  • keine Seifen (hoher pH-Wert),
  • keine parfümierten oder desodorierende Waschsubstanzen,
  • Dosierung der Waschlotion  beachten,
  • Klarwäsche immer vornehmen,
  • Essigwaschungen von Zeit zu  Zeit.


Als  Pflegepräparate eignen sich vor allem W/O-Präparate (Wasser in Öl). Zu vermeiden sind O/W-Lotionen (Öl in Wasser), da diese eher austrocknend wirken. Nicht empfehlenswert sind auch alle Präparate,  die eine Abdeckung der Haut bewirken, denn diese führt zum Wärmestau  und zu einer höheren Verdunstung, was wiederum die Austrocknung der Haut zur Folge hat. Zu den abdeckenden Substanzen gehören alle  Präparate auf Mineralöl-, Zinkpastebasis sowie reine Ölpräparate  (Baby-Schutz-Creme, Dekubitusprophylaktika, Vaseline, Melkfett  usw.). Außerdem sollten Patienten auf langes Baden, Sitzbäder und  die Einreibung mit Franzbranntwein verzichten.

4.3. Konservative  Inkontinenztherapie
Im folgenden wird ein Überblick über die wichtigsten konservativen therapeutischen und pflegetherapeutischen Maßnahmen  gegeben:

  • Beckenbodentraining,
  • Bio-Feedback
  • Elektrotherapie,
  • Fußreflexzonentherapie,
  • Miktionstraining.


4.3.1. Beckenbodentraining
Durch ein aktives (oder passives) Muskeltraining im Bereich  des Beckenbodens kann streßinkontinenten Menschen geholfen werden. Eine gezielte und fachlich fundierte Anleitung durch ausgebildete Physiotherapeuten oder Hebammen ist zu Beginn des Trainings  unerläßlich. Ein erfolgversprechendes Beckenbodentraining setzt sich  aus verschiedenen Komponenten zusammen:

a) Sensibilisierungsphase

Da der Beckenbodenbereich nur selten bewußt  aktiviert wird, nehmen viele Frauen diesen Muskelbereich kaum wahr. Das heißt, streßinkontinente Frauen müssen lernen, diese Muskeln zu  fühlen und zu bewegen.

Diese  Sensibilisierung kann auf verschiedene Art und Weise erfolgen. Zum  Beispiel durch eine Übung, bei der sich die Patientin vorstellt, wie eine Kirsche im Beckenboden durch Muskelanspannung in eine bestimmte Richtung bewegt wird. Man kann die Patientin die Anspannung der  Beckenbodenmuskulatur auch erfühlen lassen (selbst eingeführter Finger in der Scheide).

b) Atemtechnik
Zum wirkungsvollen Training gehört die richtige Atemtechnik. Das Zwerchfell begrenzt  den Bauchraum nach oben, die Beckenbodenmuskulatur nach unten. Intraabdominale Druckerhöhung verstärkt den Druck auf Blase und  Beckenbodenmuskulatur. Bei der Einatmung erhöht sich der Druck, deshalb sind bezüglich der Atmung zwei Dinge zu beachten:

  • Um den intraabdominalen Druck zu mindern, muß die Bauchatmung erlernt und konsequent angewandt  werden.
  • Alle Anstrengungen wie Heben, Tragen,  Hüpfen müssen mit der Ausatmung verbunden werden, da die Einatmung der Anspannung der Beckenbodenmuskulatur entgegenwirkt.


c) Übungen zum Beckenbodentraining
In der Regel reichen 6-8 Anleitungstermine beim  Physiotherapeuten, um verschiedene Übungen zu erlernen. Die Übungen  sollten den individuellen Möglichkeiten der Betroffenen angepaßt  werden (ältere Patientinnen tun sich schwer mit Übungen im  Vierfüßlerstand!). Wenn sie oft genug wiederholt werden, sind zwei  bis drei verschiedene Übungen für eine wirkungsvolle Therapie ausreichend.

d) Unterstützende Maßnahmen
Die  Betroffenen müssen lernen, die Belastung des Beckenbodens auch im täglichen Leben zu vermindern. Durch den Einsatz der richtigen  Hebetechniken wird der Druck auf die Beckenbodenmuskulatur  reduziert. Zudem sollten auch bestimmte druckmindernde  Bewegungsabläufe eingeübt werden (z.B. das richtige Aufstehen aus  dem Bett). Auch die Reduzierung von Übergewicht wirkt sich positiv auf den Erfolg des Beckenbodentrainings aus.

4.3.2. Hilfsmittel zum Beckenbodentraining
Unterstützend zum Beckenbodentraining gibt es  heute eine Auswahl an Hilfsmitteln, die im folgenden kurz vorgestellt werden:

a) Scheidengewichte
Bei den  Scheidengewichten handelt es sich um kleine, tamponförmige, verschieden schwere Gewichte, die in die Scheide eingeführt werden.  Nach exaktem Zeitschema lernen die betroffenen Frauen, diese  Gewichte durch die Anspannung der Beckenbodenmuskulatur zurückzuhalten. Im Verlauf des Trainings können immer schwerere Gewichte benutzt werden.

b) Harnröhren-Plugs
Harnröhren-Plugs dienen der passiven Unterstützung des Beckenbodentrainings. Sie werden von den Frauen selbst in die Harnröhre
eingeführt und verbleiben dort bis zur nächsten Miktion. Zwischen den Blasenentleerungen sind die Frauen dadurch kontinent. Der positive Nebeneffekt ist, daß es durch den Plug zu einer Stimulation im Beckenbodenbereich kommt. Bei Anwendung von Harnröhren-Plugs ist die Verlaufskontrolle (insbesondere die regelmäßige bakteriologische Untersuchung des Urins) durch den Arzt unerläßlich.

4.3.3. Bio-Feedback
Unter Bio-Feedback versteht man im allgemeinen eine Rückmeldung aus dem Körper. In Zusammenhang mit der Streßinkontinenz bedeutet Bio-Feedback, daß mit Hilfe von  Trainingsgeräten eine optische oder akustische Rückmeldung über die Anspannung der Beckenbodenmuskulatur verdeutlicht wird. Diese Geräte  werden von den Krankenkassen meist als Leihgabe zur Verfügung gestellt. Die Trainingsgeräte funktionieren nach folgendem Prinzip:
Ein luftgefüllter Tampon oder Sensor wird in die Scheide, bei Männern ins Rektum, eingeführt. Während der Anspannungsübungen wird der Druck in der Scheide oder  dem Rektum auf das Gerät übertragen, das dann die aktuelle  Anspannungssituation anzeigt. Wegen des hohen Aufwands der einzelnen  Übungen mit den Bio-Feedback-Geräten werden sie hauptsächlich zur Verlaufskontrolle, aber auch in der Sensibilisierungsphase  eingesetzt.

4.3.4. Elektrotherapie
Durch  die Elektrotherapie werden die Beckenbodenmuskeln passiv stimuliert.  Die Elektrostimulation erfolgt über eine Elektrode in Form eines  Vaginal- oder Analtampons. Die eingeführte Elektrode entsendet  elektrische Impulse, die eine Kräftigung der Beckenbodenmuskulatur  bewirken. Gleichzeitig kommt es zu einer Entspannung des Detrusors,  also zu einer Minderung der Urge-Symptomatik. Die Elektrode kann kontinuierlich getragen oder einmal täglich in einer ca. 20minütigen  Sitzung angewandt werden. Die Elektrotherapie eignet sich besonders gut zur Vorbereitung auf ein aktives Beckenbodentraining, z.B. nach  einer gynäkologischen OP.

4.3.5. Fußreflexzonentherapie
Bei der Fußreflexzonentherapie handelt es sich um  ein alternativ-medizinisches Verfahren. Die Wirkungsweise beruht auf der Stimulation eines bestimmten Hautareals (energiereflektierende Zone, meist Füße). Diese Stimulation wird dann über die  Nervenleitung zu dem mit dem Hautareal in Beziehung stehenden Organ  (Bezugszone) weitergeleitet. Dadurch kommt es zu einer besseren Durchblutung und einem Anstieg der Temperatur. Nicht selten stellt sich eine positive Beeinflussung der organischen Funktionsstörung ein. Die Behandlung wird von verschiedenen Berufsgruppen durchgeführt (z.B. Physiotherapeuten,  Heilpraktikern).

4.3.6. Miktionstraining
Bei  der motorischen Dranginkontinenz kommt es aufgrund fehlender oder mangelhafter zentraler Hemmung (häufig Hirnleistungsstörungen) zur  vorzeitigen, nicht vermeidbaren Blasenentleerung. Der Betroffene verspürt den Harndrang, kann die Blasenentleerung aber nicht lange genug unterdrücken, d.h. die Zeit reicht nicht aus, um zur Toilette  zu kommen.
Nach genauer diagnostischer Abklärung durch den Urologen (zum Ausschluß anderer Inkontinenzformen) empfiehlt es sich, mit dem Betroffenen ein  Toilettentrainingsprogramm durchzuführen. Ziel ist es, die Blase vor  dem auftretenden Harndrang zu entleeren, indem man die  Blasenentleerung nach einem bestimmten Zeitplan durchführt.

Durchführung:

  • Über mehrere Tage wird ein Protokoll der Blasenentleerungen erstellt. Dieses beinhaltet die Entleerungszeiten mit dem Vermerk "freiwilliger oder unfreiwilliger Harnverlust" und die Menge und Art der zugeführten  Getränke
  • Anhand des Protokolls werden Regelmäßigkeiten im Ausscheidungsrhythmus festgestellt.
  • Es wird ein Zeitplan für den Toilettengang erarbeitet (immer eine halbe Stunde vor der  vermutlichen Blasenentleerung).
  • Der Zeitplan sollte genau eingehalten  werden, evtl. unter Zuhilfenahme eines Weckers.
  • In der ersten Übungszeit sollte die  Situation täglich überdacht und der Zeitplan gegebenenfalls in kleinen Schritten verändert werden.
  • Zur Sicherheit kann, vor allem am  Anfang, von Frauen eine kleine bequeme Slipeinlage oder von  Männern ein Tropfenfänger benutzt werden.


Zur Unterstützung sollte auf eine  ballaststoffreiche Ernährung und ausreichende Flüssigkeitszufuhr  geachtet werden. Eventuell vorliegende Störfaktoren, die den freiwilligen regelmäßigen Toilettengang erschweren, müssen ausgeräumt werden.

Ein paar Beispiele:

  • Der Weg zur Toilette gleicht einem "Irrgarten".
  • Die Toilette ist zu weit weg, zu kalt, zu niedrig.


5. Hilfsmittelversorgung
Der Einsatz medizinischer Hilfsmittel nimmt im Rahmen der Pflege inkontinenter Menschen eine zentrale Position ein, sollte jedoch therapeutische Interventionen niemals ersetzen.  Inkontinenzhilfsmittel werden angewandt, um eine begonnene Therapie  zu unterstützen oder beim Fortbestehen der Inkontinenz nach  Ausschöpfung der möglichen therapeutischen  Maßnahmen.

Die Anforderungen  an eine optimale Inkontinenz-Versorgung sind:

  • Sicherheit – Die Hilfsmittel müssen  den Harn/Stuhl zuverlässig aufnehmen und auslaufsicher  sein.
  • Unauffälligkeit –  Inkontinenzhilfsmittel dürfen für Außenstehende nicht sichtbar  oder hörbar sein (knisternde Windelversorgungen!).
  • Vermeidung von Folgeerkrankungen – Hochwertige Inkontinenzhilfsmittel nehmen den Harn schnell auf und  halten ihn von der Haut fern. Dadurch wird das Risiko von Hautreizungen, Rötungen und Infektionen verringert.
  • Tragekomfort – Inkontinenzhilfsmittel  müssen bequem zu tragen sein und dürfen die Bewegungsfreiheit des  Betroffenen nicht einschränken.
  • Umweltverträglichkeit –  Inkontinenzprodukte sollten sich umweltfreundlich herstellen und  entsorgen lassen.


5.1. Leitfaden zur Auswahl der geeigneten  Versorgungsart
Generell unterteilt man Inkontinenzversorgungen  in:

  • aufsaugende Materialien,
  • ableitende Systeme,
  • instrumentelle Harnableitungen.


Es empfiehlt sich, die Entscheidung für das individuell richtige  Hilfsmittel anhand folgender Punkte zu treffen:

  • Das gewählte Hilfsmittel sollte der  Form und dem Grad der Inkontinenz angepaßt sein.
  • Das Hilfsmittel sollte die Therapie  unterstützen.
  • Das Hilfsmittel sollte es dem  Betroffenen ermöglichen, sich selbst zu versorgen.


5.2. Versorgung harninkontinenter Frauen
Die optimale Versorgung für Frauen, die unter Harninkontinenz  leiden, stellen aufsaugende Produkte dar. Dabei ist der Einsatz von Windeln selten nötig. Kleine, hochsaugfähige Einlagen sind wesentlich diskreter und verfügen trotz ihrer geringen Größe über ein hohes Aufnahmevermögen. Die körperabgewandte Seite dieser  Einlagen besteht aus einer feuchtigkeitsundurchlässigen Folie. Das  äußerst saugfähige Material im Inneren der Einlage nimmt den Urin  auf. Damit ein Wiederaustreten des Harns verhindert wird (z.B. wenn die Frau sich hinsetzt), werden diesem Material vielfach Gelbildner zugegeben. Gelbildner sind Stoffe, die in Verbindung mit Feuchtigkeit aufquellen und dadurch den Urin binden. Durch diesen  Rücknässeschutz läuft auch bei Druck die Feuchtigkeit nicht aus. Die Haut bleibt trocken, Wundsein und Hautschäden werden vermieden. Die  Einlagen werden mit einem breiten Klebestreifen an der Wäsche  befestigt. Für die einzelnen Grade der Inkontinenz gibt es Einlagen in verschiedenen Größen und mit unterschiedlichen Fassungsvermögen.



5.3. Versorgung für die leichte Inkontinenz  des Mannes
Bei tropfenweisem Harnabgang, wie er z.B. nach einer Prostataoperation auftreten kann, ist eine kleine unauffällige  Hilfe wie der Tropfenfänger völlig ausreichend. Tropfenfänger bestehen aus einem hochsaugfähigen, hautfreundlichen Material, das  von einer feuchtigkeitsundurchlässigen Folie umschlossen ist. Sie werden einfach über den Penis oder über Penis und Hoden gestülpt. Je nach Größe nimmt diese Versorgung unterschiedliche Mengen Urin auf  und verhindert eine unangenehme Geruchsentwicklung. Durch einen  breiten Klebestreifen wird der Tropfenfänger in der Unterwäsche oder im Netzhöschen sicher fixiert.

5.4. Versorgung für schwere Formen der männlichen  Harninkontinenz
Bei schweren Formen der männlichen Inkontinenz empfehlen sich ableitende Inkontinenzsysteme. Ein komplettes Urin-Ableitungssystem besteht aus einem Kondom-Urinal, einem Urinbeutel sowie einer Befestigungsmöglichkeit. Der Beutel kann am  Bein oder bei immobilen Patienten bzw. nachts am Bett befestigt  werden.

5.4.1. Kondomurinal
Kondomurinale sind kleine Gummihülsen, die über  den Penis gestülpt werden. Am unteren Ende der Kondomurinale  befindet sich der Abflußstutzen, der mit dem Beinbeutelsystem verbunden wird. Eine sichere Ableitung des Harns ist somit  gewährleistet. Die Tragedauer eines Kondomurinals beträgt in der  Regel 24 Stunden.
Die Fixierung  der Urinale erfolgt durch einen Haftstreifen, der an der Peniswurzel  angebracht wird. Alternativ dazu gibt es auch selbsthaftende  Urinale.




Der Haftstreifen der Kondomurinale besteht aus einem hautfreundlichen Material. Er bietet die Möglichkeit, die Stelle der Fixierung zu variieren. Dabei muß  der hochelastische Haftstreifen nicht zugeschnitten werden – solange sich dadurch keine Kanäle bilden, darf sich das dünne Material überlappen.


Bei den selbsthaftenden  Kondomurinalen ist die Innenseite mit einer hautfreundlichen  Haftsubstanz beschichtet. Wird die beschichtete Fläche leicht angedrückt, haftet das dünne weiche Kondomurinal sicher und zuverlässig. Anbringhilfen, wie z.B. Applikator oder Abrollstreifen, vereinfachen das Anlegen – auch mit Handschuhen.

Speziell für allergiegefährdete Patienten gibt es latexfreie Kondomurinale. Sie sind ebenfalls mit Haftstreifen oder als selbsthaftende Inkontinenzversorgung erhältlich.

Anwendungshinweise

  • Die Reinigung des Penis sollte unter Beachtung hautschonender Prinzipien durchgeführt werden.
  • Die regelmäßige Rasur muß bis über den Penisschaft hinaus erfolgen. Es eignen sich Elektrorasierer, insbesondere Lady-shaves, da diese einen kleineren Schwingkopf haben.
  • Das Kondomurinal wird durch Abrollen angebracht. Zwischen Penisspitze und Abflußstutzen sollten  mindestens 1-2 cm Platz verbleiben, um den sicheren Halt zu gewährleisten.
  • Zum Schluß sollte das Kondomurinal nochmals mit der Hand leicht angedrückt  werden.


Voraussetzung  für die optimale Haftung der Kondomurinale ist die passende Größe.  Mit einer speziellen Meßschablone läßt sich diese problemlos ermitteln.

Die Erfahrung hat  gezeigt, daß eine anfängliche Scheu des Patienten gegenüber der Anwendung von Kondomurinalen meistens sehr bald weicht. Wie bei  allen Hilfsmitteln ist auch hier eine gute Anleitung und die  Möglichkeit zu üben wichtig.

5.4.2. Bein- und Nachtbeutel
Ein Beinbeutel kann an ein Kondomurinal, aber auch an eine instrumentelle Harnableitung angeschlossen werden. Der Beinbeutel fängt die ablaufende Harnmenge sicher auf und behindert den  Betroffenen nicht in seinen täglichen Aktivitäten. Auf der Rückseite sind die Beutel meistens mit einem weichen Vlies ausgestattet, das  angenehm auf der Haut zu tragen ist. Um die Befestigung am Ober-  oder Unterschenkel zu ermöglichen, gibt es Beutel mit verschiedenen Schlauchlängen bzw. mit individuell kürzbarem Schlauch. Die  Flexibilität des Schlauches sorgt für uneingeschränkte  Bewegungsfreiheit. Durch ein Sicherheitsventil am Auslaß des Beutels wird ein unbeabsichtigtes Auslaufen verhindert.

Besonders diskret und unauffällig sind Beinbeutel  mit einem Mehrkammersystem. Der Urin wird gleichmäßig in verschiedene Kammern verteilt, so daß der Beutel weniger aufträgt. Gleichzeitig wirken die Kammern geräuschdämmend.



Beinbeutel sind in verschiedenen Formen und mit unterschiedlichen Fassungsvermögen  erhältlich.


Für die spezielle  Versorgung bei Nacht sind zwei Aspekte ausschlaggebend: Der Patient sollte durchschlafen können, und der Harn muß nach unten abgeleitet werden. Aus diesen Gründen wird zur Nacht an den Ablaufstutzen des Beinbeutels zusätzlich ein Nacht- oder Bettbeutel angebracht.  Alternativ kann ein extra großer Nachtbeutel direkt mit dem  Kondomurinal verbunden werden. Nicht empfehlenswert ist das "Umstecken" von Tag- zu Nachtbeuteln. Der Bein- und Nachtbeutel  sollte aus hygienischen Gründen nicht länger als 2 - 3 Tage verwendet werden.

5.4.3. Beinbeutelfixierung
Der Beinbeutel kann wahlweise am Oberschenkel oder am  Unterschenkel fixiert werden. Die Befestigung erfolgt durch  Beinbeutelbänder, die direkt an den Beutel angeknöpft werden oder durch einen Beinling. Der Beinling wird wie ein Strumpf einfach über das Bein gezogen und sorgt dann für bequemen Sitz und perfekten Halt des Beutels.



Die Entscheidung,  welche Fixierungsart gewählt wird, hängt im wesentlichen von  folgenden Kriterien ab:

  • Der Harn muß der Schwerkraft folgen  können und nach unten abgeleitet werden,
  • Kleidungsgewohnheiten,
  • Durchblutungssituation in den Beinen,  (evtl. Abschnürung durch Beinbeutelbänder),
  • persönliche Wünsche und Fähigkeiten  des Patienten.


5.5. Intermittierender Selbstkatheterismus
Neurologische Erkrankungen (z.B. Querschnittlähmung, Multiple  Sklerose, Bandscheibenvorfall, Spina bifida) führen häufig zu Blasenentleerungsstörungen und Restharnbildung. Unbehandelt können diese Blasenfunktionsstörungen zu Infektionen der Harnwege und zur Schädigung der Nieren führen. Um diese zu verhindern, wird der intermittierende (zwischenzeitliche) Katheterismus angewandt.

Die Erfahrung hat  gezeigt, daß diese Form der instrumentellen Harnableitung deutliche Vorteile gegenüber dem Einsatz von Verweil- bzw. Dauerkathetern hat.  Durch die Verwendung von intermittierenden Einmalkathetern reduziert  sich die Gefahr von Verletzungen der Harnröhre und von  Harnwegsinfektionen. Außerdem ist es den Betroffenen oft möglich,  zwischen den Blasenentleerungen ohne weitere Hilfsmittel auszukommen  und damit zeitweilige Kontinenz zu erlangen.

Um Verletzungen der Harnröhre durch häufiges Passieren zu vermeiden, werden für den intermittierenden  Katheterismus gleitbeschichtete Katheter verwendet. Unterschieden wird dabei in Katheter, die bereits vorbeschichtet sind und Katheter mit separatem Gleitmittel. Bereits beschichte Einmalkatheter müssen  nur ca. 30 Sekunden gewässert werden. Dann sind sie so gleitfähig,  daß sie sanft in die Harnröhre eingeführt werden können.


Sehr praktisch und hygienisch sind auch Katheter-Sets, die bereits steriles Wasser bzw. eine Ampulle mit Kochsalzlösung enthalten.

Jahrelang wurde in Deutschland der "saubere" intermittierende Katheterismus propagiert, d.h. es wurde auf die Desinfektion der Harnröhrenmündung verzichtet, und die Katheter wurden mit normalem Leitungswasser gleitfähig  gemacht. Sofern sich der Betroffene selbst zu Hause katheterisiert, führt dieses nicht zu höheren Infektionsraten. Im Krankenhaus  (erhöhte Keimzahl) ist eine Katheterisierung unter sterilen Bedingungen angezeigt.

Neu auf  dem Markt sind jetzt auch beschichtete, gebrauchsfertige  Einmalkatheter, bei der die Wässerung des Gleitmittels entfällt.

5.6. Anal-Tampon
Für  Menschen, die unter Stuhlinkontinenz leiden, gibt es spezielle  Tampons aus Schaumstoff, die in den After eingeführt werden. Durch die Anal-Tampons wird fester Stuhl zuverlässig zurückgehalten. Geruchsbildung und lästiges Wundsein entfallen. Besonders leicht einzuführen (wie Zäpfchen) sind schmale Schaumstoff-Tampons, die sich erst im Darm durch die natürliche Körperfeuchtigkeit und -wärme ausdehnen und sich dann genau den anatomischen Gegebenheiten anpassen.



5.7. Hilfsmittelverordnung
Hilfsmittel sind grundsätzlich "Gebrauchsgüter des täglichen Lebens". Eine Leistungspflicht der gesetzlichen Krankenkassen besteht dann, wenn eines der folgenden Merkmale vorliegt:

  • Das Hilfsmittel ist im direkten  Zusammenhang mit der Behand-lung einer Krankheit erforderlich,  z.B. Dekubitus oder Hautkomplikationen.
  • Es liegen schwere Funktionsstörungen vor, z.B. bei Hemiplegikern.


6. Harninkontinenz im pflegerischen  Alltag

6.1. Der inkontinente Mensch
Viele Betroffene neigen dazu, die ersten Symptome einer  Inkontinenz zu bagatellisieren, zu verdrängen oder zu leugnen.  Dahinter steht oft die Angst vor dem Verlust der sozialen Kontakte, die Angst vor Ausschluß und mangelnder Akzeptanz der Umwelt. Die Inkontinenz geht häufig mit einem Gefühl der Entwürdigung einher – das Selbstwertgefühl des Betroffenen wird erheblich gemindert. Aus Selbstschutz versuchen viele inkontinente Menschen, ihr Leiden als unkorrigierbaren Schicksalsschlag anzusehen. Andere entwickeln  starke Schuldgefühle oder Aggressionen gegen sich selbst. Erst mit  zunehmendem Leidensdruck, ausgelöst durch die vielen  inkontinenzbedingten Einschränkungen im alltäglichen Leben, wird der  Betroffene versuchen, Lösungsstrategien zu entwickeln.

6.2. Grundsätze zur  Betreuung inkontinenter Menschen
Im Umgang mit inkontinenten Menschen sind folgende Grundsätze zu beachten:

  • Der inkontinente Mensch darf nicht auf sein Leiden reduziert werden, sondern muß ganzheitlich als Individuum wahrgenommen und verstanden werden.
  • Dem inkontinenten Menschen muß geholfen werden, seine innere Stabilität wiederzuerlangen, um die Bereitschaft bei ihm zu fördern, seine Inkontinenz aktiv anzugehen.
  • Eine positive Einstellung der  Pflegenden zum Betroffenen weckt dessen Zuversicht auf Besserung  und steigert seine Eigenaktivität. Wenn der Betroffene spürt, daß er als Person ernstgenommen wird und daß die Pflegekraft ihm etwas zutraut, wird er sich bemühen, diesem Bild seiner Person zu  entsprechen. Er wird versuchen, Verantwortung für sich zu übernehmen und kooperativ mit den Pflegenden zusammenzuarbeiten.  Positive Resonanz findet der Betroffene nicht allein durch seine  erzielten Erfolge in Bezug auf die Krankheit, sondern auch durch  Lob und Anerkennung seitens der Angehörigen und der Pflegenden.
  • Der Betroffene muß lernen, mit der Inkontinenz umzugehen und sein tägliches Leben darauf einzustellen – z.B. indem er seine Ernährung ändert oder einen genauen  Trinkplan einhält.
  • Die professionelle Betreuung und Beratung sollte auch Hilfestellung bei der Bewältigung von Problemen umfassen, die mit der Inkontinenz zusammenhängen. Dazu gehören auch Probleme, die die Partnerschaft (z.B. Sexualität)  betreffen.
  • Bei wahrnehmungsgestörten Personen besteht die Möglichkeit, durch gezielte Übungen – ein sogenanntes  Realitätsorientierungstraining – verlorengegangene Fähigkeiten  wiederzuerlangen. Dieses Training kann sich positiv auf das  Miktionsverhalten auswirken und die Betroffenen wieder in die Lage versetzen, die Toilette zu benutzen.


6.3. Der Einfluß der Pflegenden
Solange sich der Betroffene nicht offen zu seinem  Problem bekennt, ist es für die Pflegenden schwer, einen  krankheitsbezogenen Zugang zu ihm zu finden. Sobald Sie Symptome  einer vorliegenden Inkontinenz wahrnehmen, sollten Sie deswegen den Betroffenen direkt darauf anzusprechen. Der erste Schritt ist dabei  nicht einfach. Oft sind es Unsicherheiten oder Hemmungen, die es  Pflegenden schwer machen, offen über das Thema zu reden.  Professionelle Pflege bedeutet aber, Zugang zu den Betroffenen zu finden und gemeinsam mit Ihnen Lösungsmöglichkeiten zu erarbeiten. Dazu sind offene Gespräche nötig. Um Ihnen das Zugehen auf den inkontinenten Menschen zu erleichtern, haben wir hier drei mögliche Einstiege als Beispiele für ein erstes Gespräch über Inkontinenz aufgeführt:

  • "Ich möchte mit Ihnen heute überlegen, welche weiteren Möglichkeiten wir zur Verbesserung Ihrer Situation  haben. Die Kollegen und ich sind uns darüber einig, daß Sie seit  Ihrer Entlassung aus dem Krankenhaus wirklich große Fortschritte gemacht haben und auch weiterhin machen werden. Wir bewundern sehr, mit wieviel Energie Sie Ihre Krankheit bewältigen. Ich  möchte heute auch noch einen Punkt ansprechen, der Ihnen  möglicherweise etwas peinlich sein könnte. Bei der Art Ihrer  Erkrankung kommt es bei vielen Menschen zu Veränderungen des  normalen Wasserlassens oder anders gesagt, manche Menschen können den Harn nicht mehr so gut zurückhalten. Wenn dies so sein sollte, so sollten wir dieses Problem in unsere gemeinsamen Bemühungen mit aufnehmen und aktiv etwas dagegen tun..."
  • "Den Kollegen und mir ist aufgefallen, daß Sie sich aus den gemeinsamen Aktivitäten in letzter Zeit etwas zurückgezogen haben und manchmal einen etwas traurigen Eindruck  machen. Da wir Sie ja doch schon einige Jahre kennen und wissen, daß Ihnen diese Veranstaltungen immer sehr viel Freude gemacht haben, machen wir uns jetzt natürlich ein wenig Sorgen. Gibt es  denn Veränderungen in Ihrem Befinden, die Ihnen die Teilnahme an  den Treffen nicht mehr möglich machen...?"
  • "Ich möchte Sie heute auf etwas  Bestimmtes ansprechen. Eine Kollegin von mir hat gestern mittag zufällig gesehen, daß Ihre Tochter Ihnen eine größere Menge  Damenbinden mitgebracht hat. Ich kann mir gut vorstellen, daß es Ihnen peinlich ist, Ihre Beschwerden anzusprechen, und deshalb  möchte ich Ihnen meine Hilfe anbieten..."


Versuchen Sie dann im Verlauf des Gesprächs eine Vertrauensbasis aufzubauen, indem Sie aufmerksam zuhören und dem inkontinenten Menschen Verständnis entgegenbringen. Oftmals ist es für den Betroffenen eine Hilfe zu wissen, daß seine Inkontinenz in direktem Zusammenhang mit seiner Grunderkrankung steht. Auf keinen Fall sollten Sie den Betroffenen mit gutgemeinten Ratschlägen  überhäufen. Dadurch könnte er sich bevormundet und unselbständig  fühlen. Versuchen Sie vielmehr, den Betroffenen selbst darauf zu bringen, wie er am besten mit seinem Handicap umgehen kann. Ist dann die Bereitschaft da, das Problem zu akzeptieren, ist die kompetente  und genaue Auskunft über die weitere Vorgehensweise sehr wichtig.  Sie sollten den inkontinenten Menschen ermutigen, sich nicht zu  isolieren, sondern gewohnte Kontakte aufrechtzuerhalten. Der  Betroffene muß motiviert werden, sein Leiden mit den engsten Angehörigen, Freunden und Bekannten zu besprechen, um auch von seinem unmittelbaren Umfeld Unterstützung zu erhalten.

Da das Annehmen der  Inkontinenz ein schwieriger Prozeß ist, kann es sein, daß Reaktionen  der Betroffenen für Sie oft schwer nachvollziehbar sind, irrational  erscheinen oder gar beleidigend wirken. Der Pflegende kann zum Ziel  der eigentlich gegen die Krankheit gerichteten Aggressionen und Wut werden. Pflegende sollten sich mit der Möglichkeit dieser Reaktion vertraut machen und lernen, damit umzugehen.

Im folgenden haben wir die wichtigsten Grundsätze  für ein Gespräch über das Thema Inkontinenz zusammengestellt:

Das Gespräch über die Inkontinenz

  • Kommen Sie von sich aus auf die  Inkontinenz zu sprechen und wählen Sie geeignete Bezeichnungen für  das Thema.
  • Signalisieren Sie dem Betroffenen Ihr  Interesse und geben Sie dem Gespräch einen ausreichenden  störungsfreien Zeitrahmen.
  • Erfassen Sie die individuelle  Situation des inkontinenten Menschen durch aufmerksames Zuhören. Der Betroffene muß sich mitteilen können.
  • Geben Sie dem Betroffenen die  Möglichkeit, sich jederzeit aus dem Gespräch  zurückzuziehen.
  • Wahren Sie die Intimssphäre des  Betroffenen im Gespräch und bemühen Sie sich um Diskretion.
  • Informieren Sie den Betroffenen über realisierbare Möglichkeiten zur Hilfe. Geben Sie dem Betroffenen  die Möglichkeit zur aktiven Mitgestaltung der weiteren  Maßnahmen.
  • Geben Sie gewünschte Informationen immer nur auf einem dem Betroffenen angepaßten Sprachniveau.
  • Entwickeln Sie Lösungsstrategien immer gemeinsam mit dem Betroffenen, evtl. auch mit seinen Angehörigen.
  • Informieren Sie Ihre Kollegen über die Gesprächsinhalte und über vereinbarte Maßnahmen. Legen Sie dann die gemeinsame Vor- gehensweise im Team fest.



7. Hilfsangebote für Betroffene, Angehörige und Pflegende

Der Bereich der Betreuung inkontinenter Menschen wird immer stärker von spezialisierten Pflegekräften übernommen.  Beim Fachverband für Stomapflege und Inkontinenz können Betroffene  erfragen, welche Stomatherapeuten oder Krankenschwestern/pfleger für Stomapflege und Inkontinenz in ihrer Region tätig  sind.
Die GIH (Gesellschaft für  Inkontinenzhilfe) hat bundesweit sehr viele Selbsthilfegruppen  gegründet. Auch dort erhalten die Betroffenen und ihre Angehörigen  in Gesprächen mit Mitbetroffenen Unterstützung bei der Bewältigung  ihres Handicaps.

DVET – Fachverband Stoma und Inkontinenz
Schmidthainsweg 11
57080  Siegen
Tel.: 02 71/939 91 05

GIH – Gesellschaft für Inkontinenzhilfe e.V.
Friedrich-Ebert-Str. 124
34119 Kassel
Tel.: 05 61/78 06 04

8. Literaturempfehlungen

  • Füsgen, Prof. Dr. med. Ingo, Harninkontinenz, Thieme-Verlag, Stuttgart
  • Hoogers, Kinie, Inkontinenz verstehen, Reinhardts Gerontologische Reihe
  • Stöhrer, Madersbacher, Palmtag,  Neurogene Blasenfunktionsstörung, Neurogene Sexualstörung, Springer-Verlag, Berlin
  • Sachsenmaier, Brigitte, Inkontinenz –  Hilfen, Versorgung und Pflege, Schlütersche Verlagsanstalt und Druckerei, Hannover 1991
  • Zimmermann, Ingrid,  Beckenbodentraining, Schlütersche Verlagsanstalt und Druckerei, Hannover 1989

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